EgoOmega 1
1992, 530 x 530 mm

EgoOmega 2
1992, 530 x 530 mm

EgoOmega

Die Vorstellung, dass mein ICH sich eines Tages auflösen wird, ist schwer erträglich – um nicht zu sagen: eisenschwer!

Wenn meine Zeit gekommen ist, werden vermutlich die meisten meiner Atome und Moleküle lange Zeit herumliegen, durch die Lüfte segeln oder irgendwo umherplätschern. Unverbunden. Bis vielleicht für einige von ihnen wieder die Zeit kommt und sie den Flug einer Eintagsfliege mitorganisieren oder einer Mikrobe als Nahrung dienen.

Wenn meine Zeit vergangen ist, wird mein heutiges ICH kaum mehr Bedeutung haben als das flüchtige Flackern, welches ich vor ein paar Tagen für einen kurzen Augenblick am abendlichen Himmel wahrzunehmen glaubte. War es eine Sinnestäschung? Eine Reflektion? Ein längst verloschener Stern? Schnuppe!

Mein Ich-Mich-Erleben ist endlich. Spuren, die ich hinterlasse vergehen. Einige der Samen, die ich pflanzte, initiieren womöglich neue Ichs. Wenns hoch kommt. Teile meines Ichs leben weiter. Ebenso wie in mir und meinen Geschwistern die Ichs meiner Eltern und ihrer Vorfahren weiterleben. Weiß ich das? Nein. Glaube ich es? Ja. Kann ich es fühlen? Bisweilen. Ich behaupte es einfach mal.

Eigentlich ist die begrenzte Zeit meines Hier-und-jetzt-Lebens doch zu kostbar, um hier jetzt endlos rumzuphilosophieren oder mich auf den Bauchnabel meines Daseins zu besinnen.

Wenn ich mit der Selbstbetrachtung herumspiele, mein Spiegelbild beispielsweise durch eine Lupe fokussiere, steht alles Kopf und ich verstehe gar nichts mehr.

Gleichzeitig schreitet die Zeit voran. Einfach so. Unerbittlich wie die Schläge des Schusterhammers, die einst unzählige male tagein tagaus auf den Dreifuß niedersausten.

Sind also Gedankenspielereien nutzlos? Ganz und gar nicht! Sie machen mein Leben ebenso aus wie lieben, schaffen, feiern, streiten, plaudern oder inhaltsfreies rumalbern. Sie geben mir das Gefühl, frei zu sein und bringen neue bisher ungedachte Ideen hervor.

Und: Mich faszinieren endlose Gedankenschleifen, die zu nichts führen außer zu sich selbst. Wie etwa der alte Kinderreim »Ein Hund kam in die Küche und stahl dem Koch ein Ei….«*

Das Ergründenwollen des Nicht-Endenden kann ein Tor in den Wahnsinn oder in eine anders gefühlte Wirklichkeit sein. Während der Suche nach universellen Erkenntnissen scheint die Zeit zu verschwinden. Sie tritt in den Hintergrund. Als hätte sie keine Bedeutung mehr. Vergangenheit und Zukunft scheinen in der Gegenwart miteinander verbunden zu sein. Mein ICH ist endlich Teil der Unendlichkeit.

EgoOmega 1 + 2 machen sich ein wenig lustig über die gedanklichen Bemühungen, die Ewigkeit zu überdauern. Schließlich wird der Rostfraß die dünnen Drähte eines Tages durchbeißen und die Erinnerungen an die hier formulierten schönen Weisheitsperlen runterkrachen lassen.

* hier die vollständige Fassung:
»Ein Hund kam in die Küche und stahl dem Koch ein Ei.
Da nahm der Koch den Löffel und schlug den Hund zu Brei.
Da kamen viele Hunde und gruben ihm ein Grab
und setzten ihm ein Denkmal, worauf geschrieben stand:
Ein Hund kam in die Küche… undsoweiterundsofort…«